Rick Falkvinges offener Brief an die Musikindustrie
Rick Falkvinge, Vorsitzender der schwedischen Piratenpartei, war kürzlich bei einer Podiumsdiskussion auf der Musikindustrie-Konferenz “In The City” in Manchester zu Gast und diskutierte mit verschiedenen Industrievertretern und brachte dabei auch seinen Vorschlag einer Begrenzung der kommerziellen Verwertungsrechte auf 5 Jahre in Spiel. Die Reaktionen darauf waren erwartungsgemäß nicht unbedingt überwiegend positiv und reichten bis zu einem Ausruf von Dave Smith, der wütend erklärte: “Wenn wir im Mittelalter wären, würde ich Sie auf dem Scheiterhaufen verbrennen”. (sinngemäße Übersetzung aus dem Englischen)
Auf diese und andere Anfeindungen seitens der Musikindustrie reagiert der schwedische Pirat nun mit einem offenen Brief, in dem er seine Sichtweise darlegt. Da nach einer Übersetzung des englischen Textes ins Deutsche gefragt wurde, habe ich mich bemüht, den Text zu übersetzen:
Liebe Musikindustrie,
Danke für eure Einladung, als Eröffnungsredner bei eurer Konferenz in Manchester, UK, aufzutreten. Ich bin inspiriert von eurem Mut, das was als Bedrohung angesehen werden muss, in eure Mitte zu bringen.
Ich muss sagen, dass es mir die Augen geöffnet hat, die Reaktionen der Industrie auf den Piratenstandpunkt zu erleben: Wenige unterstützende Reaktionen auf privater Ebene, aber größtenteils Verbitterung, Ärger und selbst öffentlich geäußerte Wut. Was mein Interesse pikierte war nicht der Kontrast, solche Kontraste können überall gefunden werden wo neue Ideen allmählich Boden gutmachen, sondern eher der immense Wert, den ihr dem Urheberrecht als Konzept beimesst.
Dennoch – und das ist das, was mich betroffen machte – ich denke nicht, dass ihr euch jemals gefragt habt, woher dieser Wert kommt. Er kommt von Gesetzgebern. Von Leuten wie mir. Der Wert, den ihr dem Urheberrecht beimesst zeigt deutlich, dass es eine Form von Wert hat und dass der Wert mittels eines Austauschs erzeugt wird.
Dieser Austausch findet ziemlich speziell mit den Gesetzgebern statt. In dieser Hinsicht sind die Gesetzgeber der Gesellschaft gegenüber verantwortlich, die verfügbare Kultur zu maximieren. (etwas vereinfacht ausgedrückt) Das Werkzeug, um dieses Ziel zu erreichen, war es, ein exklusives Monopol auf die Vervielfachung und öffentliche Aufführung an Leute zu vergeben, die (kulturelle Werke) erstellen.
Diese Übereinkunft wurde getätigt, weil ihr, die Musikindustrie, die Gesetzgeber überzeugt habt, dass andernfalls keine Musik mehr geschaffen wird.
Was mich betroffen machte ist, dass ich glaube, dass ihr versäumt, die Existenz dieser Übereinkunft wahrzunehmen oder emotionell anzuerkennen. Dass ihr nicht eine Gruppe Kunden habt, sondern zwei: Zunächst die Gesetzgeber, die euch im Austausch für die Schaffung von Musik für den Markt ein Monopol erteilen und zweitens die Kunden, die euch im Austausch für Musik auf diesem Markt Geld geben.
Die erste Transaktion, das Monopol, ist zunächst die Bezahlung für die Dienstleistung des Erstellens der Güter. Die zweite, monetäre, Transaktion ist die Bezahlung für Güter (CDs) oder Dienstleistungen (Konzerte und so weiter).
Jedoch hat eure Übereinkunft mit den Gesetzgebern, bei der ihr die einzigen Anbieter wart, kürzlich einiges an Konkurrenz bekommen. Wie es aussieht machen die Leute momentan mehr Musik als jemals zuvor, aber sie tun dies nicht wegen des Urheberrechts, sondern trotz des Urheberrechts. Niemals zuvor in der Geschichte war der Gesellschaft so viel Musik verfügbar. Creative Commons-lizenzierte Musik und andere Arten künstlerischer Schöpfung, nur um ein einfach messbares Modell zu erwähnen, bei dem Urheber ihr bereits erteiltes Monopol explizit zurückweisen, übertrifft eure kulturelle Produktion um Längen.
Diese Tatsache natürlich stellt unsere Übereinkunft in Frage. Wenn andere Anbieter die selbe Dienstleistung – Musik machen – ohne die Kosten, die ihr in Form eines lebenslangen plus 70 Jahre-Monopols verlangt, dann werden wir als Gesetzgeber die Bedingungen diesen dieser Übereinkunft neu verhandeln.
Wir werden die Bedingungen selbstverständlich nicht mit euch verhandeln. Nein, wir werden neue Bedingungen mit unseren neuen Versorgen aushandeln und den Vertrag mit euch einfach beenden, wie es bei Geschäften üblich ist.
Liebe Musikindustrie, ihr wurdet unterboten und aus dem Feld geschlagen.
Aus dem Feld geschlagen von Millionen von Leuten, die Musik machen, weil es ihnen Spaß macht. Sie verlangen keine Monopole. In der Tat sehen sie diese bloß als Hindernis, das die Aufmerksamkeit von dem ablenkt, was sie tun wollen – noch mehr Musik machen – und lehnen sie daher ab.
Der Vorschlag, die Laufzeit der kommerziellen Verwertungsrechte auf fünf Jahre nach dem Veröffentlichungsdatum zu verkürzen, ist sogar weit mehr, als unsere neuen Anbieter fordern. Aber im Namen der Einfachheit ist es wünschenswert, die selbe Laufzeit für alle Arten von Werken zu haben und es gibt manche, die große Investitionen erfordern, ohne die dieser bestimmte Typ Kultur nicht geschaffen worden wäre. Hollywood Blockbuster und Computerspiele kommen da in den Sinn. Aber der ROI-Horizont (wahrscheinlich der Zeitraum, in dem die Investitionen wieder eingenommen werden, Anm. d. Übersetzers) dieser sind weitaus kürzer als fünf Jahre, also wären fünf Jahre für ein Monopol auf die kommerziellen Verwertungsrechte überaus großzügig von der Seite von uns Gesetzgebern.
(Oh und nebenbei bemerkt trifft genau das selbe Argument auf die Verlage zu. Es wird mehr geschrieben als jemals zuvor, nicht wegen des Urheberrechts, sondern trotz des Urheberrechts.)
Ich glaube, dass das der Grund dafür ist, dass ich es so sonderbar fand, dass manche von euch auf dem Kongress so sauer auf mich waren. Ihr realisiert nicht, dass ich in meiner Rolle als Gesetzgeber ein Kunde bin. Euer Kunde erster Linie, der, in eurem Modell, euren sekundären monetären Markt ermöglicht. Während es verständlich ist, dass ihr Groll, Ärger und selbst Wut bei der Vorstellung empfinden könnt, ihr würdet nicht so einen schnuckligen Deal wie früher zu bekommen, ist die Tatsache, dass ihr Konkurrenz bekommen habt indiskutabel und keine noch so starke Emotion wird euer Geschäft retten. Nur ein besseres Angebot als das eurer (vorsetzlich unorganisierten) Wettbewerber wird das können.
Schließlich bringt es euch selten mehr von den Geschäften dieser Kunden, euren Kunden in einem Raum voller Reporter (unter Applaus!) zu sagen, dass sie sich verpissen sollen, oder?
(Fügt noch hinzu, dass ihr jetzt einen höheren Preis von den Gesetzgebern verlangt: Die Abschaffung oder Einschränkung von Grundrechten wie dem Postgeheimnis, dem Recht auf ein Gerichtsverfahren, dem Recht zu kommunizieren, der Botenimmunität (dem Grundsatz, dass Provider nicht für ausgelieferte Inhalte zur Verantwortung gezogen können, Anm. d. Übersetzers) und mehr, nur um das alte Monopol um jeden Preis zu erhalten. Und das Argument für einen Versorgerwechsel ist noch stärker. Der höhere Preis, den ihr jetzt agressiv verlangt ist worauf wir uns hauptsächlich konzentriert haben. Jedoch ist euer früheres Angebot ebenfalls nicht wettbewerbsfähig.)
Dieser Brief ist zur Wiederveröffentlichung in jeder Gestalt, Form, Ort oder Quantität freigegeben, aber bitte weist den Autor als solchen aus.
Zur Übersetzung an sich noch ein paar Anmerkungen: Rick spricht häufig vom “Copyright”, da der Text in Englisch verfasst wurde. Der Begriff deckt sich vom Konzept her aber nicht unbedingt mit dem “Urheberrecht”, wie es bei uns und in anderen europäischen Ländern üblich ist. Ich habe das der Einfachheit halber meistens so übersetzt, also beachtet beim Lesen bitte, dass auch nur Teilbereiche unseres Urheberrechts bzw. die Verwertungsrechte gemeint sein können. Den Begriff “legislator” habe ich als “Gesetzgeber” übersetzt. Nun befindet sich Rick definitiv nicht in einer solchen Position, weswegen vielleicht die Übersetzung als “Politiker” besser gewesen wäre. Da ich aber davon ausgehe, dass er den Begriff bewusst verwendet hat, (sei es, um auf die von der schwedischen Piratenpartei angestrebte Position im Parlament hinzuweisen oder einfach als Verallgemeinerung) habe ich das so belassen.
Inhaltlich nimmt der Brief meines Erachtens einen interessanten Ansatz, wenn er auch stark vereinfacht und leicht polemisiert dargestellt wird. Musiker (die hier hauptsächlich angesprochene Gruppe Künstler) sind eben nicht mit einem Internetprovider zu vergleichen, der einen mit einer festgelegten Leistung versorgt, auch wenn der Vergleich in Anbetracht des Verhaltens der Musikindustrie verständlicher erscheint.
Auch die Forderung der schwedischen Piratenpartei nach einer Verkürzung der Laufzeit der kommerziellen Verwertungsrechte auf 5 Jahre erscheint mir etwas zu radikal. Dass die Laufzeit heute viel zu lang ist, liegt auf der Hand, aber 50 Jahre im ersten Schritt und nach weiterer Evaluierung eventuell eine Verkürzung auf 15 Jahre erscheinen mir angebrachter.
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Nils:
Vielen Dank für’s übersetzten.. Ein wirklich guter offener Brief der die Situation passend beschreibt.
Mir sind btw. die Schweden mit ihren 5 Jahren auch zu radikal. Ich hoffe man trifft sich irgendwo in der Mitte.
23. Oktober 2009, 12:00Stefan:
hm, nächste mal sollten wir kollaborieren
http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:Trias/Rick_Falkvinges_Brief
ist leider kurz vor der Endfassung stecken geblieben
Grüße,
25. Oktober 2009, 14:52Stefan
bongbob:
ROI – Return of Investment (das Einspielen der Kostenb bevor ein Gewinn möglich ist).
25. Oktober 2009, 15:35Marc Weissenberger:
Vielen Dank für die sehr gute Übersetzung, wollte es schon selbst machen
Habe Deinen Artikel auch gleich verlinkt, gute Arbeit soll mit Linkliebe belohnt werden! http://www.localheroes-radio.de/nc/news/details/archive/2009/october/article/rick-falkvinges-offener-brief-an-die-musikindustrie/
25. Oktober 2009, 15:38Viktor:
Zu der zentralen Argumentation in diesem Brief kann ich nur sagen: So ein Unsinn. Erst einmal kann man Gesetze nicht einfach mit Verträgen gleichsetzen. Schon deswegen, weil sie als Akt der öffentlichen Willensbildung alle betreffen und nicht nur zwei (oder mehr) Parteien, die eine private Übereinkunft im Einvernehmen treffen. Gesetze müssen nämlich auch von denen befolgt werden, die nicht damit einverstanden sind.
Folgt man aber mal dieser unsäglichen Gleichsetzung, dann muss man feststellen, dass kein “Vertrag” zwischen Musikindustrie und Gesetzgeber besteht, denn letzterer handelt (zumindest theoretisch) im Auftrag einer dritten Partei, dem Volk. Doch wenn der Gesetzes-Vertrag zwischen Musikindustrie und dem Volk geschlossen ist, wieso braucht es dann noch eines zweiten Kauf- bzw. Lizenz-Vertrages? Spätestens hier gleitet die Argumentation ins Absurde ab.
Wenn das die Denke des europäischen Oberpiraten ist, dann kann ich nur hoffen, dass er in Zukunft seine Hausaufgaben macht, damit er mich besser vertreten kann.
25. Oktober 2009, 16:43delamar:
Danke für die Übersetzung dieses Briefs. Die Sache mit dem Scheiterhaufen ist aber schon ziemlich arg und sehr unsachlich von der britannischen Musikindustrie. Wir werden morgen mal in unserem Podcast über dieses Thema reden, ihr seid gerne eingeladen.
25. Oktober 2009, 20:36